Veranstaltungen auf einen Blick:

Danke an über 400(!) Zuhörer, exzellente Solisten - und unsere Freunde vom Choeur d'Ô!

Welch eindrucksvolles Gedenkkonzert mit Frank Martins In terra pax!

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Gedenkkonzert zum Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig 1813

Frank Martin (1890 - 1974)

IN TERRA PAX

SOPRAN Ariane Liebau | ALT Annekathrin Laabs
TENOR André Khamasmie | BARITON Johannes Weinhuber
BASS Johannes G. Schmidt

ORGEL Daniel Beilschmidt | SCHLAGWERK Johannes Cotta

Choeur d'Ô - Montpellier | Jean-Marc Normand

Denkmalchor Leipzig
GESAMTLEITUNG Philipp Goldmann

 

 

Frank Martin über sein Oratorium "In terra pax"

"Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, von mir aus in einem solchen Zeitpunkt einen Gegenstand von so brennender Bedeutung zu behandeln. Aber da man mich fragte, ja beauftragte, hatte ich es leicht, an die Ausführung zu gehen. Und mit welcher Freude! Denn ich befand mich fast in der Lage des alten Meisters, der für die Kirche arbeitete. Ich musste das Publikum nicht von der Notwendigkeit eines solchen Werkes überzeugen, ich trug dafür keine Verantwortung. Ich musste nur danach trachten, dem Hörer etwas zu bieten, was dem Tag angemessen war, dem Tag des Friedens mit seiner überbordenden Freude, seiner Angst und den schrecklichen Erinnerungen. Dauer und Besetzung waren mir vorgeschrieben und unterbanden langwieriges Zaudern. Solcherart schrieb ich von August bis Oktober 1944 In terra pax, zeitweise mit den alliierten Armeen um die Wette laufend. Sie ließen mir leider viel zu viel Zeit."

Uraufführung: 7. Mai 1945 in Genf. Am Tag der deutschen Kapitulation im Rundfunk von Radio Genf weltweit live übertragen.

Besetzung: vierteiliges Oratorium, komponiert für 5 Solisten, 2 gemischte Chöre und Orchester (für die Aufführung im Völkerschlachtdenkmal erklang eine Fassung für Orgel und Schlagwerk)

Werkbeschreibung: Den Auftrag für das Oratorium "In terra pax" erhielt Frank Martin im Sommer 1944 vom Direktor von Radio Genf, René Dovaz. Der schweizer Komponist sollte ein Werk komponieren, das am ersten Tag des Waffenstillstandes im Rundfunk gespielt werden sollte. Martin skizziert den Inhalt wie folgt: "Der erste Teil handelt vom Krieg selbst, den die Propheten als die Folge des Zornes Gottes betrachten. Der zweite bringt die Ankündigung der Befreiung, den Freudenausbruch eines Volkes, das eine erneuerte Hoffnung und ein neues Leben in sich fühlt. Der dritte Teil führt einen gänzlich neuen Gedanken ein: die Vorstellung von Christus. Sie ist weitgehend den Prophezeiungen des Jesaia entnommen, der den Diener des ewigen Gottes als einen Verachteten beschreibt, als ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Der vierte Teil schließlich beschwört, indem er sich von den weltlichen Angelegenheiten befreit, den neuen Himmel und die neue Erde, wo alle Tränen getrocknet werden, wo es keine Schreie, kein Leiden mehr geben wird."

In terra pax steht in der Tradition der großen klassischen Oratorien. Vielfach erinnern Martins Satztechniken an sein großes Vorbild Johann Sebastian Bach. Diese verbinden sich mit einer teilweise avantgardistischen Sprache, schneidenden Dissonanzen und perkussiven Rhythmen. Der Sohn eines Pfarrers aus alter Hugenottenfamilie verbindet in seiner Musik gleichwohl die Einflüsse zweier Kulturen - auf der einen Seite die französisch geprägte Musik seiner schweizerischen Heimat auf der anderen Seite die deutsche Musiktradition. Dennoch gelingt es nicht, Martins Musik einer bestimmten ästhetischen Richtung oder gar nationaler Schule zuzuordnen. Seine Werke, so auch „In terra pax", tragen vielmehr Spuren weltbürgerlichen und tief religiösen Denkens. Die Texte für „In terra pax" entnahm Martin der Offenbarung des Johannes, in ihnen wechseln Schreckensvisionen der Apokalypse mit Passagen der Heilsverkündung. Vor allen in den Chören des Oratoriums gelingen Martin Momente von größter Eindringlichkeit. Gefühle der Angst, des Schmerzes und der Hoffnung kulminieren in einer gewaltigen Schlusshymne auf die Allmacht Gottes. Die durcheinander brausenden Harmonien lichten sich erst ganz allmählich in ein strahlendes D-Dur. Trotzdem setzt Martin im Schlusstrubel hinter die Worte „Heilig! Heilig! Heilig ist unser Herr" kompositorisch eher ein Fragezeichen. Ganz so, als ob sich der Komponist nicht sicher zu sein scheint, ob die neue Menschheit die alten kriegerischen Fehler nicht wieder begehen wird.

Zum ersten Mal wurde das „In terra pax", wie geplant, von Radio Genf am Tag der deutschen Kapitulation, dem 7. Mai 1945, live in die Welt übertragen. Trotz der nach wie vor großen Brisanz des Stoffes und der ungeheuren Eindringlichkeit des Werkes, hat "In terra pax" bis heute keinen entsprechenden Platz im Repertoire gefunden.

 


Rückblick der Konzerte